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Sonntag, 22. April 2018 Volkswagen Jetta: Mehr Persönlichkeit, bitte!

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Volkswagen Jetta (US-Version).  Foto: Auto-Medienportal.Net/Nick KurczewskiVolkswagen Jetta (US-Version). Foto: Auto-Medienportal.Net/Nick Kurczewski

Wie der Neuling am ersten Schultag bemüht sich der neue Volkswagen Jetta vor allem darum, sich in die Menge der Gesichter einzufügen. Denn die Wolfsburger wollen nichts sehnlicher als dass die komplett erneuerte Limousine der siebten Generation auf dem US-Markt endlich die Beliebtheit von Konkurrenten wie dem Honda Civic und Toyota Corolla erreicht. Die japanischen Platzhirsche feiern seit Jahren unglaubliche Erfolge - sei es als bescheidenes Pendlerauto mit hoher Zuverlässigkeit, sei es als sportives, aber immer noch erschwingliches Tuningobjekt.

Für Volkswagen-Verhältnisse ist der Jetta in den USA ungewöhnlich erfolgreich. Doch an den Erfolg der Japaner reicht er nicht heran; seine Kundschaft ist im Vergleich zu den Japanern individualistisch und speziell. Und das will VW jetzt ändern. Bedeutet dies, dass der Jetta in der Masse untergeht?

 

Die Pressepräsentation am frühen Morgen in Durham im US-Staat North Carolina verhieß jedenfalls für Enthusiasten nichts Gutes. Die Rede war von dem niedrigeren Basispreis des neuen Jetta, der mit 18 545 US-Dollar (ca. 15 100 Euro) um 300 Dollar billiger als das bisherige Basismodell ist.

Ein bisschen war dann auch noch über die Technik zu erfahren, bevor wir am Steuer einer Jetta-Limousine der Farbe „Habanero orange“ und mit der R-Line-Ausstattung Platz nehmen konnten. Die neue Modellgeneration basiert auf der gleichen MQB-Architektur, die vom aktuellen Golf bis zum Geländewagen Atlas Verwendung findet. Unter der Haube sitzt ein 1,4-Liter-Turbo, der seine 150 PS Leistung und 250 Newtonmeter Drehmoment über eine Sechs-Gang-Handschaltung oder eine Acht-Gang-Automatik auf die Vorderräder schickt. Bezeichnenderweise gibt es die Handschaltung nur noch in der billigen Basis.

In den USA gibt es fünf Ausstattungslinien in der Rangfolge S, SE, R-Line, SEL und SEL Premium (das Copyright für diese Nomenklatur hätten wir bei Mercedes-Benz vermutet). Das 26 945 Dollar (rund 21 800 Euro) teure Spitzenmodell SEL Premium verfügt über 17-Zoll-Leichtmetallfelgen, Ledersitze, einen adaptiven Tempomaten und eine Zehn-Farben-Ambientebeleuchtung.

Unser Testwagen, der orangefarbene Jetta in R-Line-Spezifikation, ist mit eigenständigen 17-Zoll-Leichtmetallfelgen (den schönsten auf dem neuen Jetta), einem schwarzlackierten Kühlergrill und Seitenspiegeln, Nebelscheinwerfern, zweifarbigen Kunstledersitzen und der Automatik ausgerüstet. In allen Dimensionen etwas größer als der Vorgänger ist die wichtigste unmittelbar spürbare Veränderung der längere Radstand des neuen Modells. Die Fondpassagiere haben damit mehr Platz, auch für Erwachsene mit langen Beinen bleibt es gemütlich.

Auf unserer Fahrt, die durch Städte, über Landstraßen auf Highways führte, gefiel der Jetta mit seinem ruhigen Motor und seiner komfortablen Abstimmung. Der Vierzylinder kann im Verkehr gut mithalten und surft dank Turboaufladung auf einer eindrucksvollen Drehmoment-Welle. Zum Schnellfahren verführt er hingegen nicht – und passt damit gut zum Fahrwerk, bei dem die bisher verwendete Mehrlenkerachse übrigens durch eine kostengünstigere Torsionsstab-Konstruktion ersetzt wurde. Der Jetta wirkt damit zwar komfortabel, aber auch etwas leblos, und das gilt auch für die diffus wirkende Servolenkung. Das Handling des Jetta ist zur spaßfreien Zone geworden.

Niemand erwartet von einem günstigen Kompaktwagen eine Sportwagen-Abstimmung. Aber wenn selbst Rivalen wie Ford Focus, Honda Civic und Mazda 3 eine Prise Sportlichkeit vermitteln, warum hat sich VW in die entgegengesetzte Richtung bewegt? Selbst ein wenig mehr Lenkgefühl würde den Käufer daran erinnern, warum er überhaupt einen Jetta gewählt hat. Sicher, 400 Liter Kofferraumvolumen sind nicht zu verachten, das Armaturenbrett sieht gut aus, Apple Carplay und Android Auto sind Standard, und das Auto inspirierte Betrachter zu dem freundlich gemeinten Kommentar, dass es „wie ein Audi aussieht“ – insbesondere von schräg hinten.

Um den Jetta mitten im Mainstream zu plazieren, hat Volkswagen ihm die Prise Sportlichkeit genommen, die ihn zu einem etwas spezielleren Angebot machte. Immerhin, ein schnelleres, sportives Modell namens GLI soll binnen eines Jahres kommen; für Vortrieb sorgt dann der 2,0-Liter-Turbo aus dem Golf GTI. Was er hoffentlich auch bringt, ist mehr Präzision und mehr Persönlichkeit.

Bis es soweit ist, muss man kaum bedauern, dass VW sich gegen eine Markteinführung des neuen Jetta in Deutschland entschieden hat. Dass die Wolfsburger auch anders können, zeigen sie in China – mit dem sportlichen Lamando GTS, der ähnliche Dimensionen hat, aber viel sportlicher auftritt. Aber der hätte sich nicht so brav ins Segment eingefügt. (ampnet/nk)

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